Notiert von Severin Imfeld
Ich habe ein schlechtes Gedächtnis für Orte. Das klingt seltsam für jemanden , der in Kriens aufgewachsen ist und seit Jahren in der Luzerner Neustadt wohnt, aber es ist so. Ich weiss, dass ich irgendwann an einem bestimmten Abend auf einer bestimmten Bank sass und dachte: Hier komme ich wieder her. Und dann vergesse ich, welche Bank es war.
Diese Seite ist mein Gegenmittel. Ein Notizbuch, das zufällig öffentlich ist. Ich schreibe hier auf, wo ich gerne bin, wohin ich Besuch mitnehme, wo man allein gut sitzen kann und wo man zu zweit nicht stört. Dazu kommen ein paar Seiten über die Geschichte, die mich an dieser Stadt am meisten interessiert: wie Luzern gelernt hat, Gäste zu empfangen, und was diese Gäste mit nach Hause genommen haben.

Kapellbrücke und Pilatus, Photochrom aus den 1890er-Jahren. Ein ähnlicher Druck hängt bei mir im Gang.
Ich heisse Severin, bin 34 und arbeite als Pflegefachmann im Schichtbetrieb. Das hat eine Nebenwirkung, die ich mittlerweile mag: Ich kenne Luzern zu Uhrzeiten, die andere nur vom Hörensagen kennen. Die Seebrücke um halb sechs am Morgen, wenn die ersten Busse noch fast leer sind. Der Bahnhofplatz an einem Dienstagnachmittag, wenn alle anderen im Büro sitzen. Die Reuss nach einem Nachtdienst, wenn ich eigentlich schlafen sollte und stattdessen noch eine Runde mache.
Vor gut zwei Jahren ist eine lange Beziehung zu Ende gegangen. Ich erwähne das nicht, um Mitleid zu sammeln, sondern weil es erklärt, warum ein paar Seiten hier so sind, wie sie sind. Wer plötzlich wieder allein in einer Stadt wohnt, die er eigentlich kennt, schaut sie anders an. Manche Orte waren auf einmal schwierig. Andere habe ich erst danach entdeckt. Ein paar Zeilen zu meiner Person finden Sie hier, viel ist es nicht.
Wenn mich jemand fragt, was Luzern ausmacht, sage ich nicht Kapellbrücke. Die ist schön, keine Frage, aber sie gehört inzwischen eher der Welt als uns. Meine Antwort ist eher: Wasser und Hügel, und beides ist nie mehr als zwanzig Minuten zu Fuss entfernt. Man kann am Morgen im See schwimmen und am Nachmittag auf dem Gütsch oder dem Dietschiberg stehen und auf die Stadt runterschauen, ohne ein Auto zu besitzen. Ich besitze keins.
Die zweite Sache ist das Gedächtnis der Stadt. Luzern lebt seit bald zweihundert Jahren vom Fremdenverkehr, und das sieht man überall: an den grossen Hotelfassaden am Quai, an den Raddampfern, an den Andenkenläden rund um den Schwanenplatz. Ich finde das nicht peinlich, sondern spannend. Eine Stadt, die so lange damit beschäftigt war, sich für andere schön zu machen, hat einiges über sich selbst zu erzählen. Ich sammle deshalb alte Ansichtskarten, nicht viele, ein Schuhkarton voll. Auf manchen steht in geschwungener Schrift «Souvenir de Lucerne», und genau dieses Wort hat mich auf den Namen dieser Seite gebracht.
Die dritte Sache ist schwieriger zu erklären. Luzern ist eine kleine Stadt, die sich manchmal wie eine grosse benimmt, und eine grosse, die sich manchmal wie ein Dorf anfühlt. Man trifft im Coop am Bahnhof die ehemalige Lehrerin und eine Stunde später hört man am Quai fünf Sprachen gleichzeitig. Ich mag diese Mischung, auch wenn sie mich an manchen Tagen müde macht.
Ich habe die Seiten nicht nach einem System geordnet, sondern nach dem, was ich selber am häufigsten nachschlage. Hier ein kleiner Wegweiser mit ehrlichen Kommentaren.
Die Seite über das Spazieren am See ist die, die ich am meisten brauche. Fünf Runden, vom kurzen Abendgang bis zur halbtägigen Wanderung, mit ungefähren Zeiten. Ich laufe langsam, rechnen Sie also eher etwas weniger.
Ich bin kein Nachtmensch im üblichen Sinn, eher ein Nachtmensch aus Berufsgründen. Trotzdem gibt es Abende, an denen ich raus will. Auf der Seite über das Ausgehen in Luzern stehen die Orte, die ich wirklich kenne, von der Schüür bis zum Südpol in Kriens. Daneben gibt es eine Seite über das Alleinsein in dieser Stadt und wie man hier Leute kennenlernt, wenn der alte Freundeskreis plötzlich zur Hälfte «ihrer» war. Und eine über Ideen zu zweit, die ich teils aus der Erinnerung und teils aus Hoffnung geschrieben habe.
Hier wird es etwas nerdig. Ich schreibe über die Zeit, als englische Familien wochenlang in Luzern wohnten, über die ersten Bergbahnen und über die Frage, warum so viele Leute ausgerechnet einen sterbenden Löwen aus Holz mit nach Hause nahmen. Ich bin kein Historiker. Ich habe gelesen, nachgeschaut und nur das aufgeschrieben, was ich auch belegen kann.
Wer neu hierher zieht, findet eine Seite mit Quartieren und praktischen Dingen. Und die Fasnacht hat eine eigene Seite bekommen, weil man sie nicht in zwei Sätzen erklären kann. Ich habe es versucht. Es ging nicht.
Hier schreibt kein offizieller Stadtführer, keine Tourismusbehörde und kein Verein. Ich verdiene nichts damit und verlinke nur dorthin, wo ich selbst nachschaue. Wenn Sie offizielle Informationen zu Öffnungszeiten, Schiffen oder Veranstaltungen brauchen, ist Luzern Tourismus die bessere Adresse. Ich kann Ihnen dafür sagen, auf welcher Bank man um sieben Uhr abends noch Sonne hat. Meistens jedenfalls.
Ein Hinweis noch zu den Fakten: Öffnungszeiten, Preise und Fahrpläne ändern sich, Lokale wechseln den Besitzer, und manchmal ist ein Ort, den ich mochte, einfach weg. Ich prüfe meine Notizen in unregelmässigem Abständen nach. Falls etwas nicht mehr stimmt, freue ich mich über eine kurze Mail, die Adresse steht im Impressum.
Ich arbeite in einem Beruf, in dem man viel vergessen muss, um weitermachen zu können. Namen, Gesichter, Nächte, die nicht gut ausgegangen sind. Vielleicht ist das der eigentliche Grund für diese Seite. Ich will mir wenigstens die schönen Sachen merken, und zwar genau: welche Bank, welches Licht, welche Uhrzeit.
Die Leute, die vor hundertfünfzig Jahren nach Luzern kamen, haben dafür Postkarten gekauft und kleine Löwen aus Holz. Ich schreibe es auf. Das Prinzip ist das gleiche, nur dass meine Andenken weniger Platz im Regal brauchen.
Wenn Sie mit der Geschichte anfangen wollen, empfehle ich die Seite über die Souvenirs aus Luzern. Wenn Sie lieber gleich raus wollen, nehmen Sie die Spaziergänge. Beides ist richtig.